Stammzelltherapie
Die Stammzelltherapie steht an der Schnittstelle von Biologie, Ethik und klinischer Evidenz. Das Grundprinzip ist leicht zu verstehen, die praktische Umsetzung jedoch komplex. Stammzellen können sich selbst erneuern und sich in verschiedene Zelltypen entwickeln. Deshalb gelten sie als möglicher Ansatz zur Reparatur geschädigter Gewebe. In der medizinischen Praxis erfüllen jedoch nur bestimmte Anwendungen die heutigen Anforderungen an Sicherheit und Wirksamkeit. Viele weitere Angebote befinden sich noch im experimentellen Stadium, auch wenn Werbeaussagen etwas anderes suggerieren. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Stammzellarten, etablierte Behandlungen, laufende Studien, regulatorische Vorgaben und wie Patienten irreführende Versprechen erkennen können.
Was unter „Stammzelltherapie“ zu verstehen ist
Stammzellen besitzen die Fähigkeit zur Selbsterneuerung und Differenzierung. Blutbildende Stammzellen im Knochenmark produzieren lebenslang rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen. Im Auge sorgen limbale Stammzellen für die Regeneration der Hornhautoberfläche. Im Labor können reife Zellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen umprogrammiert werden. Der Begriff „Stammzelltherapie“ umfasst sehr unterschiedliche Verfahren, von der klassischen Knochenmarktransplantation bis zu im Labor vermehrten Zellprodukten. Je nach Verfahren unterscheiden sich Zulassung, Risiko und wissenschaftliche Beweislage.

Nicht jede Zelltherapie ist eine Stammzelltherapie. In der Krebsbehandlung werden beispielsweise genetisch veränderte T-Zellen eingesetzt. Diese gehören zur Immuntherapie, nicht zur Stammzelltherapie. Auch Gentherapien verändern Zellfunktionen, ohne Stammzellen einzusetzen. Eine klare Begriffsabgrenzung hilft, Angebote korrekt einzuordnen.
Wo Stammzelltherapie etablierte Medizin ist
Die hämatopoetische Stammzelltransplantation ist seit Jahrzehnten Standard. Dabei werden blutbildende Stammzellen aus Knochenmark, peripherem Blut oder Nabelschnurblut übertragen. Sie kommt bei Leukämien, Lymphomen, multiplem Myelom, schwerer aplastischer Anämie sowie bestimmten genetischen Erkrankungen zum Einsatz. Diese Therapien erfolgen nach strengen Protokollen mit Spenderauswahl, Gewebeabgleich und langfristiger Nachsorge. Viele Länder bieten sie in zertifizierten Zentren an.
Für bestimmte Komplikationen nach Transplantationen existiert eine zugelassene mesenchymale Stammzelltherapie. Im Dezember 2024 genehmigte die US-amerikanische FDA remestemcel-L für Kinder mit steroidrefraktärer akuter Graft-versus-Host-Erkrankung. Es handelt sich um die erste zugelassene mesenchymale Stammzelltherapie in den USA. Die Zulassung gilt ausschließlich für diese klar definierte Indikation.

Auch in Europa gibt es nur wenige zugelassene Produkte. Holoclar wird bei bestimmten Hornhautschäden eingesetzt. Alofisel ist für komplexe perianale Fisteln bei Morbus Crohn zugelassen, wenn andere Therapien versagt haben. Diese Arzneimittel unterliegen klaren Vorgaben zu Herstellung, Dosierung und Patientenauswahl.
Wo die Evidenz noch wächst
Viele beworbene Anwendungen gelten weiterhin als experimentell. Dazu zählen Injektionen bei Gelenk- oder Rückenschmerzen, neurologische Erkrankungen wie Demenz oder Querschnittslähmung sowie Anti-Aging-Angebote. Einige Studien zeigen mögliche Effekte, andere keinen klaren Nutzen. Hochwertige klinische Studien sind oft noch im Gange.

Exosomen gelten als Forschungsfeld und nicht als allgemein zugelassene Therapie. Aufsichtsbehörden stufen sie als biologische Arzneimittel ein, die eine formale Zulassung benötigen. Mehrere Anbieter wurden wegen nicht genehmigter Produkte abgemahnt. Verbraucher sollten Werbeaussagen kritisch prüfen.
Wie Behörden und Fachgesellschaften abgrenzen
Zulassungsbehörden verlangen belastbare Nachweise. In den USA überwacht die FDA die Vermarktung von Zelltherapien. Nicht zugelassene Produkte dürfen nur im Rahmen kontrollierter klinischer Studien angewendet werden. Eine Eintragung in ein Studienregister bedeutet keine automatische Genehmigung.

Internationale Fachgesellschaften geben Leitlinien heraus. Die International Society for Stem Cell Research veröffentlicht Empfehlungen für Forschung und klinische Anwendung. In Europa fallen Zell- und Gentherapien unter die Regelung für Advanced Therapy Medicinal Products, kurz ATMP. Diese Produkte müssen Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit nachweisen.
Für Patienten: Aussagen prüfen und sicher entscheiden
Fragen Sie nach der genauen Zulassung für Ihre Diagnose. Persönliche Erfahrungsberichte ersetzen keine klinischen Daten. Wenn eine Behandlung Teil einer Studie ist, sollten Sie Einwilligungsunterlagen und eine Registrierungsnummer erhalten.

Achten Sie auf transparente Informationen zu Risiken. Seriöse Anbieter sprechen über Infektionen, Immunreaktionen, mögliche Fehlentwicklungen von Zellen und notwendige Nachkontrollen. Sie nennen den Produktnamen und stellen offizielle Informationsblätter bereit.
Gehen Sie kritisch mit Auslandsangeboten um. Ein Pauschalangebot mit Heilungsversprechen und Zeitdruck ist ein Warnsignal. Lassen Sie sich von einem Facharzt beraten, der Ihre Erkrankung regelmäßig behandelt.
Häufige Fragen einfach beantwortet
Sind autologe Behandlungen automatisch sicher. Nein. Auch körpereigene Zellen können Risiken bergen, etwa durch Verunreinigung oder unerwartetes Zellverhalten. Sicherheit und Nutzen müssen durch Studien belegt sein.

Kann ich erst Stammzellen ausprobieren und später Standardtherapien nutzen. Bei vielen Erkrankungen führt ein Aufschub bewährter Therapien zu Nachteilen. Besprechen Sie Alternativen immer mit Ihrem behandelnden Arzt.
Ist eine Registrierung bei clinicaltrials.gov ein Qualitätsnachweis. Nein. Die Registrierung schafft Transparenz, ersetzt aber keine behördliche Zulassung oder ethische Prüfung.
Aktuelle Entwicklungen in der Stammzellforschung
Die Forschung konzentriert sich auf kontrollierte Herstellung, gezielte Anwendung und bessere Erfolgsmessung. Zellprodukte sollen reproduzierbar und sicher sein. Neue Methoden kombinieren Zellen mit Trägermaterialien oder Signalmolekülen. Fortschritte erfolgen schrittweise und indikationsbezogen.

Ethik und Transparenz bleiben zentrale Themen. Studien benötigen klare Einwilligungen, unabhängige Kontrolle und ehrliche Ergebnisberichte. Diese Standards schützen Patienten und stärken das Vertrauen in neue Therapien.
Checkliste für eine sichere Entscheidung
Beginnen Sie mit einer gesicherten Diagnose. Wenn eine zugelassene Stammzelltherapie existiert, wenden Sie sich an ein anerkanntes Zentrum. Falls nicht, informieren Sie sich über klinische Studien etablierter Institutionen.

Fordern Sie Unterlagen an, bevor Sie zahlen oder reisen. Sie sollten Produktname, Zellquelle, Verarbeitungsschritte und Anwendungsart kennen. Fehlen klare Angaben, sehen Sie von einer Behandlung ab.
Beziehen Sie Ihren Haus- oder Facharzt ein. Teilen Sie alle Befunde und Medikationspläne. Nach der Behandlung sind Entlassungsberichte und Laborwerte wichtig für die weitere Betreuung.
Fazit
Stammzelltherapie ist ein realer Bestandteil moderner Medizin, jedoch kein Allheilmittel. Einige Anwendungen sind gut etabliert und reguliert. Andere befinden sich noch in der klinischen Prüfung. Patienten treffen sichere Entscheidungen, wenn sie gezielt nach Zulassung, Evidenz und Risiken fragen und auf transparente Kommunikation achten.

Quellen
- European Society for Blood and Marrow Transplantation. The EBMT Handbook, Ausgabe 2024.
- Snowden JA, et al. Indications for haematopoietic cell transplantation. Bone Marrow Transplant 2022.
- U.S. FDA. Verbraucherinformationen zu regenerativen Therapien.
- U.S. FDA. Zulassung von remestemcel-L-rknd (Ryoncil), 18. Dezember 2024.
- Mahat U, et al. Bericht zur Zulassung von remestemcel-L. JAMA 2025.
- European Medicines Agency. Holoclar Zusammenfassung.
- European Medicines Agency. Alofisel Indikation.
- Bellino S, et al. Zellbasierte Arzneimittel in der EU. Drug Discov Today 2023.
- ISSCR. Guidelines for Stem Cell Research and Clinical Translation.
- European Medicines Agency. Überblick über ATMP.
- ESOT Roadmap für ATMP in Europa.
- FDA Warning Letters zu nicht genehmigten Exosomen-Produkten.
- Wang CK, et al. Regulierung von Exosomen-Produkten. Biomaterials Translational 2024.
- Review zu Nebenwirkungen nicht zugelassener regenerativer Interventionen. Regen Med 2022.
- Reuters. FDA genehmigt Ryoncil für pädiatrische SR-aGVHD.